Allgemein, Familienleben
Kommentare 10

Über Lüge und Wahrheit der Vereinbarkeit

Alles geht nicht, das ist meine Lehre aus der Mutterschaft. Aber es geht eine Menge. Die bloggenden Berliner „Große Köpfe“ haben eine Blogparade zum Thema ins Leben gerufen. Hier kommen deshalb meine ganz persönlichen Gedanken zum Thema Vereinbarkeit von Familie, Beruf und dem Rest des Lebens.

Ich würde gerne ganz viel Zeit für meine Kinder haben. Soviel Zeit, dass ich geneigt bin, ganz mit unzähligen aaaas zu schreiben. Gaaanz viel Zeit, unendlich viel Zeit. Ich möchte mir jede Quasselei von ihnen anhören. Auf dem Weg zur Kita möchte ich mit ihnen jede Pusteblume pusten, in der Erde nach Regenwürmen graben und 96 Mal über das Mäuerchen balancieren. Ich möchte mit ihnen Kinderlieder singen und Geschichten erzählen. Und wenn die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist, wenn wir bei der Kita ankommen? Dann möchte ich mich mit Ihnen auf die Eingangsstufen setzen und so lange erzählen, bis  alle mutigen Piraten ihren Schatz gefunden haben.

Pusteblume

Schönheit zu entdecken, braucht Zeit

Im Job möchte ich überall mitreden und am liebsten jede Entscheidung selbst treffen. Ich möchte bei allen wichtigen Terminen dabei sein, alle spannenden Projekte übernehmen und die schönsten Artikel alle selbst schreiben.

Ich möchte Sport treiben. Viel Sport. Ich möchte so oft laufen gehen, dass ich einmal im Jahr einen Marathon laufen kann. Außerdem wäre ich gern mal bei einen Triathlon dabei, dafür bräuchte ich allerdings noch ein paar Schwimmstunden. Und das Rennrad müsste ich von seinen Spinnweben befreien. Ich möchte mit meinem Yoga weiterkommen. Würde gerne mal eine Yoga Reise machen und viel öfter meditieren.

Hamburg Marathon

Fit ist nur, wer trainiert

Ich möchte Zeit für meine Freunde haben, möchte mit ihnen quatschen, Städtereisen unternehmen und immer für sie da sein. Ich möchte Zeit für meinen Mann haben. Ich möchte mit ihm durch die Stadt flanieren, ins Museum gehen und um die Alster rennen. Und ich möchte, dass wir einen Bücherclub machen, die gleichen Bücher lesen und händchenhaltend darüber reden. A propos Lesen. Ich möchte viel mehr lesen! Aktuelle Neuerscheinungen und auch die Liste von Klassikern, die ich schon so lange vor mir hertrage…

Ja, ich gebe es zu. Ich hatte schon immer zu wenig Zeit für all die Dinge, die ich gerne machen wollte. Aber seitdem ich Kinder habe, sind meine Tage offensichtlich zu kurz geworden. Ich habe bei allen höheren Instanzen, die mir so eingefallen sind einen Antrag gestellt: Ich bin Mutter. Ich bin aber auch Ehefrau. Freundin. Und Berufstätige. Gib meinen Tagen 48 Stunden für all das Leben, mit dem ich ihn füllen möchte. Aber: Vergeblich. Meine Tage blieben 24 Stunden lang. Und Schlaf brauche ich leider auch, sogar ziemlich viel …

Wie sieht also unser Leben mit diesen 24-Stunden-Tagen aus?

In einem ausgeklügelten System bringen der Hamburger Papa und ich die Kinder abwechselnd zur Kita. Weil uns das wirklich wichtig ist und die Wege kurz sind, nehmen wir uns die Zeit, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zu fahren. Dafür müssen sich morgens alle ein bisschen sputen. Es wird eine Geschichte auf dem Weg erzählt, solange nur beharrlich und ohne anzuhalten weitergefahren wird. Wenn wir bei der Kita sind, folgt der Cliffhanger zur Fortsetzung am nächsten Tag.

Auf dem Weg zu Kita

Husch, husch zur Kita!

Ich arbeite vollzeitnah. An drei Tagen in der Woche kann ich die Kinder abholen und zwar so früh, dass wir noch ein schönes Nachmittagsprogramm machen können. Wie ihr wisst, gibt es in Hamburg immer viel Spannendes zu tun. Zweimal in der Woche bleibe ich lange, lange im Büro. Widme mich all den Sachen, an denen ich unbedingt beteiligt sein will. So springt für die Kinder ein Oma- und ein Papa-Nachmittag heraus. Das ist doch super für alle!

Außerdem: An diesen langen Tagen, an denen es für mich auf die Minute nicht ankommt, fahre ich 12 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit. Und wieder zurück. Zwischendurch oder danach mache ich dann Sport oder Yoga. Zum Marathon reicht dieses Training nicht. Aber vielleicht in diesem Jahr mal wieder für einen halben.

Seit dem ich Mutter bin, weiß ich mehr denn je: Ich muss mich entscheiden. Prioritäten setzen und akzeptieren, dass nicht alles geht. Das ist mein großes Learning aus der Elternschaft. Und zwar mit Gewinn! Als ich schwanger wurde, lernte ich, dass es auch ohne laufen geht. Stattdessen lernte ich erstmal ordentlich schwimmen. Und ich entdeckte  Yoga. Ich lernte: Für alles, was man abgibt, bekommt man etwas Neues! Als ich nach der Elternzeit wieder im Job startete, zunächst mit 80, heute mit 70 Prozent, lernte ich, dass der Job nicht alles ist. Und denke heute: Wie unvorstellbar wäre es, NUR zu arbeiten? Welch ein Gewinn, drei Mal in der Woche bereits am Nachmittag nach Hause zu gehen und das Leben mit der Kinderlachen (und Quengeln) zu füllen. Bevor ich Kinder hatte, ging ich ins Theater, ins Arthousekino, ins Museum. Heute habe ich dafür kaum noch Zeit, entdecke aber eine fantastische Kulturlandschaft für Kinder.

urlaub_ohne_klein

Ein Leben nur mit Beruf? Sehr vereinbar, aber dann hätten wir nicht das!

Die Bloggerin Anne Lu von Große Koepfe hat in einer Blogparade dazu aufgerufen, persönliche Gedanken zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu posten. Sie hat eine interessante Studie entdeckt, nach der 56 Prozent der Eltern ein schlechtes Gewissen haben – gegenüber ihrem Partner, ihren Kindern ihrem Job, gegenüber sich selbst. 52 Prozent hätten gerne mehr Zeit für ihre Kinder. Wie gesagt, ich hätte auch gerne mehr Zeit. Mehr Zeit für meine Kinder und auch für mich selbst. Ein schlechtes Gewissen habe ich deshalb nicht. Warum auch? Weil meine Kinder in die Kita gehen? Dort mit Gleichaltrigen spielen und von ihren Pädagogen viel mehr lernen, als sie von mir jemals lernen könnten? Weil meine Kinder Zeit mit ihrem Papa und mir ihrer Oma verbringen?  Weil ich in dieser Zeit einem Beruf nachgehe, für den ich jahrelang studiert habe und der mir Freude bringt? Weil ich in dieser Zeit Sport treibe, der mich gesund und bei guter Laune hält?

Nöö, deshalb habe ich absolut kein schlechtes Gewissen.

Denn natürlich hätte ich gerne mehr Zeit für meine Kinder. Aber nicht zu dem Preis, dass ich von meinem Beruf, meinem Sport, meiner Zeit mit meinem Mann etwas abgeben müsste. Denn eines habe ich in der Elternzeit auch gelernt. 96 Mal über das Mäuerchen spazieren ist wunderbar! Aber beim 97. Mal wartet der plötzliche Tod durch Langeweile. Nichts von all den Dingen, die mir wichtig sind, würde mir alleine reichen. Sie alle zusammen bringen zu können, ist manchmal anstrengend, aber macht immer glücklich!

Danke an Anne Lu von Große Köpfe für den Anstoß!

10 Kommentare

  1. Ursula Otto sagt

    Hat mir gut gefallen, die Beschreibung Deines Tagesablaufs.
    Respekt!

  2. Petra sagt

    Hallo Ute,
    Sehr persönlich, sehr ehrlich und dabei so fröhlich, auch von mir : Respekt!
    L.G. Petra

  3. Ich lese mich gerade durch alle Beiträge der Blogparade – auf der Suche nach einem „Rezept“ gegen mein allgegenwärtiges schlechtes Gewissen…

    Dein Artikel gefällt mir da sehr gut!
    Du hast Recht und ich sollte es „eigentlich“ ähnlich sehen: Dem Kind geht es gut in der Kita, mir bei der Arbeit – also alles prima und kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Aber trotzdem… Es schleicht sich einfach ständig ein und vermiest mir den Tag.
    Ich arbeite aber an mir, es ganz schnell zu verjagen – vielleicht gelingt es mir durch Deine Worte etwas besser!

    Liebe Grüße
    Anna

  4. Christine sagt

    Ich hab gerade beim Stillen deinen Artikel gelesen. Uns steht der Wiedereinstieg noch bevor und obwohl ich es kaum erwarten kann, denke ich dass auch mich das schlechte Gewissen packen wird. Deshalb danke für deine Sicht der Dinge! Ich werde mich mal durch die anderen Beiträge lesen vielleicht bin ich dann wenns los geht vorbereitet. 🙂 Liebe Grüße aus Hessen Christine

  5. Ich mag Deinen Artikel sehr. <3 Besonders den Teil mit der Aufzählung der Dinge, für die man eigentlich meeeeeeehr Zeit bräuchte.

    Danke für's Schreiben.

  6. Das stimmt und spricht mir gerade aus dem Herzen! Bei unserer ersten Dame lief es auch so, dass ich allen beweisen wollte, dass ich los lassen kann. Für unsere Bindung wäre es anders besser gewesen.
    Einfach mal auf das pfeifen, dass alle Welt meint richtig zu sein und seinem Gefühl vertrauen…

    • Ute Vaut
      Ute Vaut sagt

      Damit hast du sicherlich recht, liebe Isa! Ich glaube als Mama lernt man, dass man auf sein Gefühl und seine eigene Werte hören muss. Weil alles eben einfach nicht mehr geht 🙂 Ist doch schön, wenn das Gefühl wenigstens da ist. Du wirst noch genug Gelegenheit haben, darauf zu hören 🙂

  7. Pingback: Vereinbarkeit ist KEIN Nischenthema: das Ende der Blogparade #Worklifefamily – bilder.grossekoepfe.com

  8. Pingback: Vereinbarkeit ist KEIN Nischenthema: das Ende der Blogparade #Worklifefamily - grossekoepfe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.