Allgemein, Familienleben
Kommentare 8

Ich bin doch kein Brüllaffe! Oder etwa doch?

Eins ist ja mal klar: Kinder anschreien geht gar nicht. Mach ich deshalb auch nicht. Oder etwa doch? Neulich war ich ein paar Tage heiser. Und musste eine erschreckende Erkenntnis machen. 

Mutter schreit Brüllfalle Kinder anschreien

Ich hatte mir eine Erkältung eingefangen. Es war nichts Wildes. Der Hals kratze ein bisschen und die Nase lief. Und am nächsten Tag war ich heiser. Lautes Sprechen strengte mich an, und so versucht ich nur noch zu flüstern. Und überhaupt einfach mal öfter gar nichts zu sagen. Sollte doch kein Problem sein, dacht ich mir …

Es ist 7.28 Uhr. Ich sitze mit dem Hamburger Knirps (4) am Frühstückstisch. Der Hamburger Jung (6) klimpert unbarmherzig auf dem Keyboard. Seit dem er ein Schuljunge ist, will er nicht mehr frühstücken, sondern wartet auf die Frühstückspause im Klassenzimmer. Asynchron zu den Keyboard-Tönen kiekst die Hamburger Deern (8 Monate) aus ihrem Hochstuhl, wenn ihr wieder mal ein Stück Apfel aus der Hand gefallen ist. Der Hamburger Jung schaut auf die Uhr. „Mama, ich muss los“, sprachs und befand sich auch schon mit wenigen Sätzen an der Garderobe.

In unserer Familie kämpfen wir mit einem Problem, das vielleicht einigen von euch luxuriös vorkommen mag. Unser Sohn hat immer Angst sich zu verspäten und ist deshalb viel zu früh fertig. Besser so als andersrum, werdet ihr jetzt vielleicht denken. Ich könnte ihn doch einfach ziehen lassen. Mach ich aber nicht. Weil ich es nicht haben kann, wenn er  15 Minuten vor dem Schultor in der Kälte steht. Außerdem hetzt er damit regelmäßig unseren Nachbarsjungen F., bei dem er viel zu früh an der Tür klingelt, um ihn anzuholen.

„Es ist zu früh“, versuche ich also zu sagen. Aber aus meinem Hals kommt nur ein Krächzen. „Es ist zu früh“, flüstere ich, als mein Sohn gerade durch die Wohnzimmertür hechtet. Natürlich hört er mich nicht. Ich also hinterher. „Es ist zu früh“. Keine Reaktion. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. „Es ist zu früh“. „Nein, Mama, es ist halb acht. Ich will schon mal los.“ Er läuft zur Wohnungstür. Jetzt werde ich aber langsam wütend. Noch einmal renne ich hinter ihm her. Wieder die Hand auf die Schulter. „Bitte warte noch 5 Minuten. F. ist noch nicht fertig“, flüstere ich. „Oh manno“, mault mein Sohn. Kickt aber einfach noch 5 Minuten seine Schuhe durch den Flur.

Meine Worte schweben wie Seifenblasen durch den Raum 

Der Hamburger Knirps hat sich mittlerweile vom Küchentisch auf den Fußeboden begeben. Er hat sich in eine Sportmatte gerollt und flüstert in piepsiger Stimme vor sich hin. Vermutlich fährt er U-Boot und hat gerade Piraten entdeckt. „Bist du fertig mit deinem Frühstück?“, frage ich, so laut es meine Stimmer vermag. Also leise. Meine Worte schweben wie Seifenblasen durch den Raum. Der Hamburger Knirps bemerkt sie nicht. „Wenn du nicht zurück an den Tisch kommst, ist das Frühstück für Dich beendet“, versuche ich es noch einmal. Zu leise. „Aaachtuunng“, ruft es laut aus der Sportmatte. „Knirps, willst du noch frühstücken?“, ich flüstere. Mein Hals tut weh. Keine Antwort. 

Ich muss an einen Film denken, den ich mal gesehen haben, als ich auf Mutter-Kind-Kur war. Gezeigt wurde der uns damals im Rahmen eines Mini-Seminars zum Thema „Erziehung“. In diesem Film, der offensichtlich ein Lehrfilm war, wurden unterschiedliche Szenen gezeigt, in denen Eltern immer irgend etwas von ihren Kindern wollten. Sie sollten zum Essen kommen, Hände waschen, aufräumen, was auch immer. Jedes Mal war es so, dass die Kinder auf die Worte der Eltern überhaupt nicht reagierten, sie schienen sie gar nicht zu hören. Die Eltern wurden lauter und lauter, bis sie nur noch wütend schrien und schlimmstenfalls auch noch in allgemeine Tiraden verfielen. „Nie machst du … Jetzt hab ich es aber satt …“, solches Zeug, brüllten sie. Damit auch der dümmste Zuschauer verstehen sollte, was der Film uns sagen möchte, wurden die Eltern aus Kindersicht gezeigt. Perspektive von unten, vor Wut und Geschrei verzerrte Gesichter. Wirklich furchterregend sah das aus.

Ich fand diesem Film damals so richtig wie banal, Natürlich überhören unsere uns Kinder nicht absichtlich. Natürlich sollen wir unsere Kinder nicht anschreien. Natürlich kann auch Schreien Gewalt sein. Weiß ich doch. Mach ich auch nicht. Oder etwa doch?

Heute an diesem Morgen mit heiserer Stimme bin ich mir nicht mehr so sicher. Zwar habe ich mittlerweile unseren jüngsten Sohn mit Flüsterstimme dazu bringen können, fertig zu frühstücken. Aber wie um Himmels Willen soll ich es schaffen, dass er sich jetzt auch noch anzieht?

Unser Knirps ist nämlich anders als sein großer Bruder überhaupt nicht darauf versessen pünktlich zu sein. Es ist ihm wie den meisten Kindern sch*** egal, ob wir nun früh oder spät dran sind. Er möchte zwei Stunden am Esstisch sitzen, erzählen, was er geträumt hat, Siko Autos hin und her schieben und dabei keinen Löffel Müsli gegessen haben. Anschließen möchte er spielen. Im Schlafanzug versteht sich. Alles andere wäre ja quatsch. Während ich ihn den Flur Richtung Kleiderschrank entlangschiebe, verwandelt er sich zwei Mal in ein Flugzeug, einmal in einen Hund, dann in ein Auto und wieder zurück. Außerdem sieht er gefühlt 23 Spielzeuge, mit denen er jetzt gerade ganz dringend spielen möchte. Oder zumindest möchte er sie bitte mitnehmen in die Kita. 

Ich schiebe seine Schultern mit meiner flachen Hand und fühle mich hilflos. „Nein“, flüstere ich, während ich ein Playmobil Männchen vor seiner Nase wegschnappe. „Wir müssen uns jetzt anziehen“. Irritierter Blick von unten. Vermutlich, weil das Männchen auf einmal weg ist. Ich bin sicher, gehört hat er mich nicht. Kaum sind wir beim Kleiderschrank angekommen, entwischt der Knirps mir und macht Rollen auf dem Bett. „Guck mal, Mama!“ Ich flüstere : „Wir müssen dich jetzt anziehen.“ Er macht Rollen. „Komm jetzt.“ Er hüpft. „Guck mal, wie hoch ich hüpfen kann.“ Wenn ich tatsächlich nie schreie, rufe oder meine Stimme erhebe, warum fühle ich mich dann jetzt so hilflos? „Wir müssen uns jetzt anziehen“, versuche ich mit Nachdruck zu sagen. So laut ich eben kann. Meine Stimme bricht. Das Bett quietscht. Der Knirps hüpft. 

Ich bin jetzt so richtig wütend. Ich könnte .. Ja, was eigentlich?!

Ich gehe aus dem Zimmer. Jetzt erstmal durchatmen. Ich bin jetzt so richtig wütend. Ich könnte … ja, was eigentlich?! Laut schreien, könnte ich. Komm! Jetzt! Her! Endlich! Anziehen!

Wieder erinnere ich mich an den Film. Nachdem uns der Bad-Case so idiotensicher vorgeführt worden war, bekamen wir natürlich auch den Best-Case zu sehen. Wie können wir unsere Kinder dazu bringen, uns zuzuhören? Hingehen, Blickkontakt herstellen. Wenn das nicht geht, Körperkontakt herstellen. Erst dann sprechen. Leise. Oder eben normal. Freundlich. Und bestimmt.

Also gehe ich wieder rein. Greife mir vorsichtig den Arm des Hamburger Knirps. „Du musst dich jetzt anziehen. Bitte komm vom Bett runter!“ Der Knirps schaut mich an. Er klettert von der Matratze und sagt verwirrt:

„Mama, warum flüsterst du denn?“

 

 

 

8 Kommentare

  1. Sabine sagt

    Ha ha, das hast du sehr lustig und lebensnah beschrieben. Insbesondere das Trödel- und Wandlungsfähige Kind und kommt mir sehr bekannt vor 😉 Da fühlt sich lauter werden manchmal wie Notwehr an. Aber dennoch: du hast recht. Ich werde mal darauf achten, wie das eigentlich bei uns ist…

    • Ute Vaut
      Ute Vaut sagt

      Eigentlich sollten wir uns ja auch freuen-über ihre Fantasie und darüber, dass sie einfach nur Kind sind. Aber es fällt eben nicht immer leicht, ich weiß das…

  2. Lara sagt

    Herzlichen Dank für diesen schönen Text. Du hast mir den Sonntag-Morgen versüßt.

  3. Kathrin sagt

    Ich werde auch viel öfter laut alt ich das eigentlich möchte… Und wenn ich mal richtig geschrien habe, habe ich danach ein furchtbar schlechtes Gewissen. Danke für deinen humorvollen Blick auf das Thema. Ich lese sehr gern bei dir!!!

    • Ute Vaut
      Ute Vaut sagt

      Ach, ich kenne das. Und auch mir gelingt es nicht immer so humorvoll zu sein. Im Gegenteil, witzig finde ich es erst immer dann, wenn ich darüber schreibe 😉 Wir sollten nicht zu streng mit uns sein. In diesem Sinne viele Grüße von brüllaffe zu Brüllaffe. Wir versuchen einfach täglich besser zu werden 😊

  4. Sehr schön ge- und beschrieben. Ich finde es verständlich und menschlich (und deshalb nicht affig), wenn man mal brüllt. Und wenn man das dann hinterher auch noch reflektiert, anstatt sich Läuse aus den Haaren zu klauben, ist die Sache doch auch gar nicht so beunruhigend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.