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Interview: Mutter-Kind-Kur ist kein Wellness-Urlaub

Wer hat Anspruch auf eine Mutter-Kind-Kur? Und gehen eigentlich auch Väter auf Kur? Diese und mehr Fragen haben wir Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks (MGW) gestellt, 

Mutter Kind Kur

Mutter-Kind-Kuren sollen die Gesundheit der Mutter stärken und fördern gleichzeitig die Bindung zwischen Mutter und Kind

Unter welchen Voraussetzungen bewilligen Krankenkassen einen Vater-/Mutter-Kind-Kur?

Anne Schilling: Mütter- und Mutter-Kind-Kurmaßnahmen stehen grundsätzlich jeder Mutter und jedem Vater offen. Jede Frau/Mann, die Kinder erzieht oder erzogen hat und die dadurch besonders belastet und aus diesen Gründen gesundheitlich eingeschränkt ist und für die der Arzt die Kurbedürftigkeit attestiert , kann einen Antrag auf eine Vorsorge- oder Reha-Maßnahme nach §§ 24 oder 41 SGB V stellen. Viele Eltern erkranken an den Mehrfachbelastungen mit  ständigem Zeitdruck, permanentem Einsatz und berufliche Belastungen sowie Partnerschafts- oder Erziehungsproblemen und finanziellen Sorgen. Aber auch mangelnde Anerkennung kann krank machen.

Wann dürfen Kinder mitreisen?

Anne Schilling: Kinder dürfen mitreisen, weil sie entweder nicht alleine bleiben können oder weil sie selbst krank sind. Die Krankenkassen haben für die Teilnahme an einer Mutter/Vater-Kind-Kurmaßnahme eine Altersgrenze bis zum 12. Geburtstag, maximal bis zum 14.Geburtstag festgelegt. Für behinderte Kinder gilt keine Altersgrenze.

Fünf von 76 MGW-Kliniken bieten reine Mütter-Kurmaßnahmen an – die Kinder bleiben bewusst in der Obhut der Familie.

Wie muss man sich den Alltag in einer Mutter-Kind-Kur vorstellen?

Anne Schilling: Eine normale Kurmaßnahme dauert in der Regel drei Wochen. In den ersten Tagen finden Aufnahmegespräche mit Klinikärzten und Therapeuten statt und es wird ein individueller Behandlungsplan erstellt, der sich aus Gruppen- und Einzeltherapien zusammensetzt. Es gibt zum Beispiel medizinische Behandlungen, psychosoziale Therapien, Physiotherapie, Bewegungs- und Entspannungsangebote, Ernährungsberatung sowie Angebote zur Stärkung der Mutter-Kind-Interaktion. Das Erleben in der Gruppe steht dabei oft im Mittelpunkt, denn die Erfahrung „ich bin nicht allein“ stärkt viele Mütter und fördert den Austausch.

Für die Kinder gibt es qualifizierte pädagogische Betreuung bis hin zum Schulunterricht, damit die Mütter sich auf ihre gesundheitliche Wiederherstellung konzentrieren können. Auch einen Teil der Mahlzeiten nehmen Mütter und Kinder in vielen Kliniken getrennt zu sich. Dennoch kommt die gemeinsame Zeit nicht zu kurz und auch gemeinsame Freizeitaktivitäten  stehen im Allgemeinen auf dem Programm. Eins muss jeder Mutter (und Vater) allerdings klar sein: Eine Kurmaßnahme ist kein Wellness-Urlaub, sondern eine spezifische Gesundheitsmaßnahme, die ganzheitlich mit vielen Therapieterminen angelegt ist.

Wie arbeiten die Kurkliniken, damit ein Nutzen der Kur auch über den Aufenthalt hinaus besteht?

Anne Schilling: Die Kliniken des MGW-Verbunds haben ein eigenes Konzept und arbeiten nach unseren spezifischen Qualitätskriterien. Sie unterstreichen den mütter- bzw. väterspezifischen Ansatz und sind auch deshalb nachhaltig wirksam. Während der Vorsorge- oder Reha-Maßnahme erlernen die Mütter beispielsweise Strategien zur Stressbewältigung, um sie nach der Kur im Alltag anzuwenden. In angeleiteten Gruppengesprächen  können Muster aufgebrochen und neue Wege im Umgang mit Alltagsproblemen gesucht werden. Wichtig ist vor allem, dass Mütter lernen, auch mal nein zu sagen und auf ihre Bedürfnisse achten (bevor es zu spät ist). Denn gerade die Zurückstellung eigener Bedürfnisse und die „Nicht-Achtsamkeit“ gegenüber sich selbst, macht Mütter oft krank.

Klinken und Krankenkassen sprechen sehr gleichberechtigt von Vater- und Mutter-Kind-Kuren. Wie groß ist der männliche Anteil von Kur-Teilnehmern tatsächlich?

Anne Schilling: Der Anteil von Vätern in Kurmaßnahmen ist gering und liegt noch unter 5 Prozent. 2014 nahmen rund 50.000 Frauen mit 72.000 Kindern an einer Kurmaßnahme im MGW teil und rund 1.200 Väter. Allerdings steigt der Anteil von Vätern prozentual stärker.

Das Müttergenesungswerk hat als gemeinnützige Stiftung bereits 2013 mit der „Zustiftung Sorgearbeit“ die Arbeit des Müttergenesungswerks auf Väter und pflegende Angehörige ausgeweitet. Dazu wurden besondere Qualitätskriterien für Väter entwickelt, die bundesweit einzigartig sind: Väter können nur unter Vätern eine Vater-Kind-Kur durchführen oder als Gruppe von Vätern mit eigenen väterspezifischen Therapien. 15 von 76 vom MGW anerkannten Kliniken haben das Prüfsiegel „MGW-geprüftes Konzept Väter“ und bieten diese besonderen Vorsorge- und Reha-Maßnahmen an.

Liebe Frau Schilling, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Anne Schilling ist Geschäftsführerin vom Müttergeneseungswerk

Anne Schilling ist Geschäftsführerin vom Müttergeneseungswerk. Foto: Müttergenesungswerk

Zum Müttergenesungswerk

Das Müttergenesungswerk wurde 1950 von Elly Heuss-Knapp gegründet. Sie beobachtete, wie gesundheitlich schlecht es den Müttern nach dem 2. Weltkrieg ging und wie wenig für sie getan wurde.
Mütter hatten keinen Anspruch auf Kurmaßnahmen. Durch ihren Einsatz und durch ihre Gründung der gemeinnützigen Stiftung „Müttergenesungswerk“ mit dem erklärten Ziel „Gesundheit für Mütter“, haben Mütter eine starke Stimme bekommen. Aber erst 1989 ist es mit viel politischer Arbeit gelungen, Mütter- und Mutter-Kind-Kurmaßnahmen gesetzlich zu verankern. Später kamen Väter- und Vater-Kind-Kur-Maßnahmen hinzu. Mit rund 1.300 Beratungsstellen bundesweit können die Trägergruppen – die fünf großen Wohlfahrtsverbände – Müttern und Vätern wohnortnahe und kostenlose Beratung bieten. Auf der Website des Müttergenesungswerks kann sich jeder seine Beratungsstelle heraussuchen.
Das Müttergenesungswerk unterstützt außerdem finanziell schwache Frauen, die sich die gesetzliche Zuzahlung (10 Euro pro Tag) oder Taschengeld und Gepäckkosten nicht leisten können, mit Spenden. Wer helfen möchte, findet den Link dazu hier

 

Meinen Erfahrungsbericht zur Mutter-Kind-Kur findet ihr hier.

 

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  1. Pingback: Mutter-Kind-Kur: Ein Erfahrungsbericht - Ahoikinder

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